„Antisemitismus ist die Unfähigkeit, gleichzeitig abstrakt zu denken und konkret zu fühlen.“ — Samuel Salzborn
Antisemitismus stellt einen stetigen Bestandteil moderner Gesellschaften dar.
Sein gegenwärtiges Wiedererstarken steht in engem Zusammenhang mit aktuellen Konflikten im Nahen Osten. Die zunehmende Offenheit antisemitischer Äußerungen verweist jedoch weniger auf ein neues Phänomen, als vielmehr darauf, dass antisemitische Denkmuster kontinuierlich fortbestanden haben. Eine zentrale Herausforderung in der Bekämpfung des Antisemitismus liegt in seiner Vielschichtigkeit und Wandlungsfähigkeit. Er manifestiert sich in unterschiedlichen Kontexten und Ausdrucksformen – etwa in vermeintlich harmlosen Witzen, medialen Diskursen, wohlgemeinten politischen Redebeiträgen oder verkürzten Kapitalismuskritiken. Zugleich fehlt es häufig an einer fundierten Auseinandersetzung darüber, was Antisemitismus ausmacht, wie er funktioniert und auf welche Weise ihm wirksam begegnet werden kann.
Die Vielschichtigkeit antisemitischer Erscheinungsformen zeigt sich unter anderem darin, dass sie nicht auf ein bestimmtes politisches Spektrum beschränkt sind. Antisemitische Einstellungen können in unterschiedlichen ideologischen Kontexten auftreten. Kommunist*innen, Faschist*innen, Antirassist*innen, AfD-Anhänger*innen, Islamist*innen, Rassist*innen, Sozialdemokrat*innen oder OttoNormalbürger, sie alle stehen sich meist unversöhnlich gegenüberstehen, in antisemitischen Deutungsmustern sind sie wieder vereint. Etwa in der Vorstellung einer vermeintlichen jüdischen Einflussnahme auf globale Entwicklungen oder in der Delegitimierung des Staates Israel.
Rechtsextreme und islamistische Formen des Antisemitismus teilen häufig die Annahme einer umfassenden jüdischen Verschwörung, die als Bedrohung für Volk, Nation, Religion oder gesellschaftliche Ordnung imaginiert wird. Diese Varianten artikulieren ihren Vernichtungswillen offen und werden (noch) von großen Teilen der politischen Öffentlichkeit zurückgewiesen.
Demgegenüber äußern sich antisemitische Positionen in linken und bürgerlichen Kontexten häufig indirekter oder codierter, zum Beispiel in der Behauptung: Israel würde seit seiner Gründung eine per se koloniale und genozidale Politik gegenüber den Palästinenser*innen verfolgen, woraus ein radikaler Antizionismus abgeleitet wird, der das Existenzrecht Israels in Abrede stellt.
Dabei war der historische Zionismus für viele Jüdinnen und Juden auch eine Bewegung der Selbstbefreiung: Das Streben nach politischer Selbstbestimmung und Sicherheit nach Jahrhunderten von Verfolgung. Wer das vollständig ausblendet, verfehlt, warum die Idee bis heute für viele legitim und notwendig erscheint. Auch wird dabei oft vergessen, dass die israelische Gesellschaft selbst extrem plural ist – und dass ein erheblicher Teil der schärfsten Kritiker*innen innerhalb Israels stehen, ohne dessen Existenzrecht infrage zu stellen.
Eine Gemeinsamkeit unterschiedlicher Erscheinungsformen des Antisemitismus liegt in ihrem autoritären Charakter. Autoritarismus lässt sich als eine Haltung beschreiben, die durch unkritische Hingabe an ideologische Überzeugungen oder Autoritäten geprägt ist und alternative Perspektiven kaum zulässt. Typisch sind dabei dichotome Weltbilder (Gut versus Böse), die Reduktion komplexer Zusammenhänge auf einfache Erklärungen sowie eine Moralisierung politischer Konflikte.
Parallel dazu ist eine zunehmende Polarisierung politischer und insbesondere innerlinker Auseinandersetzungen zu beobachten. Der Druck zur schnellen und eindeutigen Positionierung ist enorm – ausbleibende oder differenzierte Stellungnahmen werden als Verrat gebrandmarkt. Dies begünstigt eine Verschiebung der Grenzen des Sag- und Denkbaren: An die Stelle pluraler und kontroverser Debatten tritt zunehmend die Erwartung homogener und eindeutiger Positionen.
Doch wo Erkenntnissuche durch dogmatische Gewissheit und der Moralisierung der politischen Sphäre ersetzt wird, entsteht ein Nährboden für affektgeleiteten Hass, der als vermeintliche Lösung nur noch die Vernichtung kennt.
Für eine Kultur des Miteinanders, für eine Kultur der solidarischen Kritik, für sich gegenseitig Zuhören.
Gegen das Ausspielen von Antisemitismus und Rassismus.
Für mehr Erkenntnis statt Empörung.
Gegen einfache Lösungen durch vermeintliche Eindeutigkeiten.
Für das Aushalten von Komplexität und Widersprüchen.
Für eine universalistische Linke.
