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  • Redebeitrag Gedenken 07.10.26

    Heute vor drei Jahren ermordeten Mitglieder der antisemitischen Terrororganisation Hamas hunderte Israelis auf grausame Weise. Mit unvorstellbarer Brutalität ermordeten die Terroristen an diesem Tag über 1.200 Menschen, mehr als 4.500 wurden verletzt und 247 als Geiseln in den Gaza-Streifen verschleppt. Wir stehen heute hier, um uns an sie zu erinnern. Wir stehen hier, um dem größten Angriff auf jüdisches Leben seit der Shoa zu gedenken. Und dabei können wir leider nicht nur in stiller Trauer den Ermordeten, Vergewaltigten, Geschändeten, Verschleppten und Verstümmelten gedenken. Wir müssen auch laut und deutlich widersprechen. Wir widersprechen dem Vergessen. Wir widersprechen der Gleichgültigkeit. Wir widersprechen jedem Antisemitismus. Und wir widersprechen jedem Versuch, den Terror vom 7. Oktober umzudeuten, zu relativieren oder seine Opfer aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verdrängen.

    Denn was an diesem Tag geschah, war keine militärische Auseinandersetzung, sondern ein Massaker und Kriegsverbrechen. Nicht nur das israelische Militär, sondern die gesamte zivile Bevölkerung galt und gilt der Hamas als legitimes Ziel. Damit brüstet sie sich. Und es ist bewaffneten zivilen Kräften, der örtlichen Polizei und den IDF zu verdanken, dass den mordenden Horden Einhalt geboten werden konnte. Denn wenn die Hamas könnte wie sie wollte, Israel wäre von der Landkarte getilgt und entvölkert.

    Was an diesem Tag geschah, ist das wahrscheinlich am besten dokumentierte Pogrom der Menschheitsgeschichte. Die Hamas und ihre Verbündeten filmten ihre Gräueltaten und verbreiteten sie als Propaganda für den Judenmord im Internet. Auch palästinensische Zivilist*innen beteiligten sich an der Entwürdigung der Opfer, indem sie die verwüsteten Orte des Schreckens vor den Augen der Überlebenden plünderten. Die tausendfachen Dokumente von Folter, Vergewaltigungen und Hinrichtungen gingen um die Welt. Und trotzdem waren die Leichen noch nicht mal geborgen, da starteten die Selbst-Gerechten unter den Völkern bereits ihre schuldprojektive Umdeutung die bis heute andauert. Kein Hasspamphlet der Hamas, keine Liveübertragung von massakrierten Festivalbesucher*innen und keine Vernichtungsandrohung der Mullahs konnten an der Wahrnehmung von Israelis als böse Täter und Palästinenser als bloße Opfer etwas ändern. Es muss aber als das bezeichnet werden, was es ist: das Produkt eines antisemitischen Wahns, einer Ideologie, in welcher „die Juden“ auf alle Zeit die Rolle des Bösen bekleiden. Dass ein Kernelement des Antisemitismus dabei mittels Täter-Opfer-Umkehr Judenhass immer zur Notwehr verklärt interessiert die vermeintlichen Israel-Kritiker genauso wenig wie die Tatsache, dass die israelische Gesellschaft selbst extrem pluralistisch und heterogen ist.

    Was an diesem Tag geschah, war keine Ausnahme. Der 07. Oktober ist in seinem Ausmaß eine Zäsur, Angriffe auf Israel und auf jüdisches Leben aber gab und gibt es jeden Tag. Seit seiner Gründung wird Israel in seiner Existenz bedroht, beinahe täglich mit Raketen beschossen und von internationalen Institutionen delegitimiert. Dieser Tag steht daher am Ende einer Reihe von jahrzehntelangen Vernichtungsversuchen und Angriffen. Er steht aber auch für den Angriff auf die Vorstellung, dass jüdisches Leben irgendwo auf dieser Welt sicher sein kann. Die daraus resultierende Tatsache, dass es sich der einzige jüdische Staat schlichtweg nicht leisten kann Angriffe zu ignorieren oder Kriege zu verlieren, spielt in der Auseinandersetzung mit diesem Tag und seinen Folgen überhaupt keine Rolle.

    Und um es ein mal ganz klar zu sagen. Die Kriegsverbrechen, die die rechtsextreme Nethanjahu-Regierung in Gaza verübt, die unerträglichen Zustände in den Flüchtlingslagern, die seit Jahren dort andauernde humanitäre Katastrophe, die sich immer weiter ausbreitende rechtsreligiöse Siedlerbewegung im Westjordanland – all dieses furchtbare Leid ist schlimm und falsch und unbedingt klar und deutlich zu verurteilen. Doch die Antisemiten von rechts und links, aus der Mitte und aus dem islamistischen Lager interessieren sich nicht für das Leid der Menschen in Gaza. Sie dienen lediglich als Verhandlungsmasse um dem eigenen Hass einen Anstrich von Humanität zu verleihen.

    Was an diesem Tag und in der Zeit danach geschah, hat in einer perversen Logik dazu geführt, dass antisemitische Straftaten zunehmen, dass jüdisches Leben nicht nur Israel sondern weltweit einem neuen Ausmaß an Bedrohung und Anfeindung ausgesetzt ist. Synagogen werden attackiert und beschmiert, vermeintlich als jüdisch erkennbare Menschen werden bedroht und angegriffen, Wohnorte, Gedenkstätten und Einrichtungen werden mit Schmähungen, Judensternen und roten Hamas-Dreiecken markiert. Jüdische Menschen müssen abwägen, ob sie in der Öffentlichkeit noch Kippa tragen oder Hebräisch sprechen können. Und zeitgleich mobilisierenIslamist*innenim Bündnis mit autoritären Linken, palästinensischen Nationalist*innen und vermeintlich progressiven Queerfeminist*innen gegen Israel und stellen ihren Antisemitismus offen zur Schau. Der Terrorangriff der Hamas wird dabei nach wie vor als dekolonisatorische Befreiungsaktion verherrlicht und umgedeutet. Diesem Irrsinn, diesem Hass gilt es entschieden entgegenzutreten.

    Am 07. Oktober 2023 wurde der Traum Israels, der Traum von einer sicheren Heimstatt für alle Jüdinnen und Juden weltweit, brutal erschüttert. Wir stehen deshalb heute hier und gedenken gemeinsam den Opfern. Wir trauern gemeinsam mit den Angehörigen.

    Gegen jeden Antisemitismus und Antizionismus.

    Am Yisrael Chai!

  • selbstkritisch []

    Uns erreichte unterschiedliches Feedback auf unseren Beitrag zur Vorlesungsreihe der Uni. Deshalb haben wir den Beitrag runtergenommen und schauen wie wir damit umgehen.

  • Über die Veranstaltungsreihe zu Antisemitismus, Antizionismus und Autoritarismus

    „Antisemitismus ist die Unfähigkeit, gleichzeitig abstrakt zu denken und konkret zu fühlen.“   — Samuel Salzborn

    Antisemitismus stellt einen stetigen Bestandteil moderner Gesellschaften dar.

    Sein gegenwärtiges Wiedererstarken steht in engem Zusammenhang mit aktuellen Konflikten im Nahen Osten. Die zunehmende Offenheit antisemitischer Äußerungen verweist jedoch weniger auf ein neues Phänomen, als vielmehr darauf, dass antisemitische Denkmuster kontinuierlich fortbestanden haben. Eine zentrale Herausforderung in der Bekämpfung des Antisemitismus liegt in seiner Vielschichtigkeit und Wandlungsfähigkeit. Er manifestiert sich in unterschiedlichen Kontexten und Ausdrucksformen – etwa in vermeintlich harmlosen Witzen, medialen Diskursen, wohlgemeinten politischen Redebeiträgen oder verkürzten Kapitalismuskritiken. Zugleich fehlt es häufig an einer fundierten Auseinandersetzung darüber, was Antisemitismus ausmacht, wie er funktioniert und auf welche Weise ihm wirksam begegnet werden kann.

    Die Vielschichtigkeit antisemitischer Erscheinungsformen zeigt sich unter anderem darin, dass sie nicht auf ein bestimmtes politisches Spektrum beschränkt sind. Antisemitische Einstellungen können in unterschiedlichen ideologischen Kontexten auftreten. Kommunist*innen, Faschist*innen, Antirassist*innen, AfD-Anhänger*innen, Islamist*innen, Rassist*innen, Sozialdemokrat*innen oder OttoNormalbürger, sie alle stehen sich meist unversöhnlich gegenüberstehen, in antisemitischen Deutungsmustern sind sie wieder vereint. Etwa in der Vorstellung einer vermeintlichen jüdischen Einflussnahme auf globale Entwicklungen oder in der Delegitimierung des Staates Israel.

    Rechtsextreme und islamistische Formen des Antisemitismus teilen häufig die Annahme einer umfassenden jüdischen Verschwörung, die als Bedrohung für Volk, Nation, Religion oder gesellschaftliche Ordnung imaginiert wird. Diese Varianten artikulieren ihren Vernichtungswillen offen und werden (noch) von großen Teilen der politischen Öffentlichkeit zurückgewiesen.

    Demgegenüber äußern sich antisemitische Positionen in linken und bürgerlichen Kontexten häufig indirekter oder codierter, zum Beispiel in der Behauptung: Israel würde seit seiner Gründung eine per se koloniale und genozidale Politik gegenüber den Palästinenser*innen verfolgen, woraus ein radikaler Antizionismus abgeleitet wird, der das Existenzrecht Israels in Abrede stellt.

    Dabei war der historische Zionismus für viele Jüdinnen und Juden auch eine Bewegung der Selbstbefreiung: Das Streben nach politischer Selbstbestimmung und Sicherheit nach Jahrhunderten von Verfolgung. Wer das vollständig ausblendet, verfehlt, warum die Idee bis heute für viele legitim und notwendig erscheint. Auch wird dabei oft vergessen, dass die israelische Gesellschaft selbst extrem plural ist – und dass ein erheblicher Teil der schärfsten Kritiker*innen innerhalb Israels stehen, ohne dessen Existenzrecht infrage zu stellen.

    Eine Gemeinsamkeit unterschiedlicher Erscheinungsformen des Antisemitismus liegt in ihrem autoritären Charakter. Autoritarismus lässt sich als eine Haltung beschreiben, die durch unkritische Hingabe an ideologische Überzeugungen oder Autoritäten geprägt ist und alternative Perspektiven kaum zulässt. Typisch sind dabei dichotome Weltbilder (Gut versus Böse), die Reduktion komplexer Zusammenhänge auf einfache Erklärungen sowie eine Moralisierung politischer Konflikte.

    Parallel dazu ist eine zunehmende Polarisierung politischer und insbesondere innerlinker Auseinandersetzungen zu beobachten. Der Druck zur schnellen und eindeutigen Positionierung ist enorm – ausbleibende oder differenzierte Stellungnahmen werden als Verrat gebrandmarkt.  Dies begünstigt eine Verschiebung der Grenzen des Sag- und Denkbaren: An die Stelle pluraler und kontroverser Debatten tritt zunehmend die Erwartung homogener und eindeutiger Positionen.

    Doch wo Erkenntnissuche durch dogmatische Gewissheit und der Moralisierung der politischen Sphäre ersetzt wird, entsteht ein Nährboden für affektgeleiteten Hass, der als vermeintliche Lösung nur noch die Vernichtung kennt.

    Für eine Kultur des Miteinanders, für eine Kultur der solidarischen Kritik, für sich gegenseitig Zuhören.

    Gegen das Ausspielen von Antisemitismus und Rassismus.

    Für mehr Erkenntnis statt Empörung.

    Gegen einfache Lösungen durch vermeintliche Eindeutigkeiten.

    Für das Aushalten von Komplexität und Widersprüchen.

    Für eine universalistische Linke.